top of page

Mal was anderes: Médoc Marathon

vor 7 Stunden
2 Min. Lesezeit

Von Alexander Hannemann


Médoc ist eine Halbinsel im Südwesten Frankreichs, eingerahmt vom Atlantik auf der einen und dem breiten Mündungsfluss La Gironde auf der anderen Seite. Entlang dieses Flusses erstrecken sich berühmte, riesige Weinanbaugebiete – und genau diese Weinwelt ist nicht nur Kulisse, sondern Herzstück des Marathons.



Wer hier antritt, um seine neue persönliche Bestzeit zu laufen, jede Sekunde zu optimieren und verbissen nach Rekorden zu jagen, ist im Médoc denkbar falsch. Dieser Lauf ist weniger sportliche Hochleistung, sondern vielmehr ein großes, genussvolles Spektakel.

In diesem Jahr stand der Marathon unter dem Motto „80er Disco“ – passend zum 40-jährigen Jubiläum des Laufs. Und dieses Motto wird gelebt: Rund 80% der Teilnehmenden erscheinen in aufwendigen Kostümen. Neonfarben, Schulterpolster, Glitzer, Afroperücken, Jogginganzüge aus Ballonseide – alles ist vertreten. Statt der nüchternen Atmosphäre eines klassischen Straßenlaufs entsteht das Gefühl einer riesigen Karnevalsparty auf Laufschuhen. Entlang der Strecke herrscht durchgehend ausgelassene, fröhliche Stimmung, man lacht, tanzt, prostet sich zu – und zwischendrin wird eben auch gelaufen.

 

Die zweite große Besonderheit ist die Streckenführung und die Verpflegung. Die Route schlängelt sich durch die Weinberge und führt mitten durch zahllose Châteaux, die man unterwegs aus nächster Nähe bestaunen kann. Oft läuft man direkt über die Gutshöfe, durch Innenhöfe oder an den Fasskellern vorbei. An den Verpflegungsstationen wird nicht nur Wasser gereicht, sondern vor allem das, wofür die Region berühmt ist: Wein. Dazu kommen Käse, Cannelés Bordelais, Entrecôte, Tarte, Speiseeis, Wurst, Austern, Bier und vieles mehr. Es ist eher ein kulinarischer Streifzug durch das Médoc als ein klassischer Marathon.

 

Die Laufzeit ist auf 6:30 Stunden begrenzt. Das klingt erstmal großzügig, aber wer bei jedem Château stehenbleibt, Wein probiert, sich von Livebands mitreißen lässt und an den Verpflegungsständen schlemmt, merkt schnell: Zwischendurch muss man ziemlich zügig unterwegs sein, um all die Eindrücke wirklich auskosten zu können und trotzdem rechtzeitig ins Ziel zu kommen. Die Kunst besteht darin, das Tempo zwischen den Schlössern hochzuhalten, um dann an den Stationen die Partystimmung, die Musik und das Essen entspannt genießen zu können.

 

Vor zwei Jahren habe ich den Médoc Marathon bereits erfolgreich absolviert. In diesem Jahr bin ich allerdings zu neuen „Höchstleistungen“ ganz anderer Art aufgelaufen – ich habe meinen persönlichen Negativrekord aufgestellt. Vielleicht lag es daran, dass ich bei Kilometer 38 acht Austern gegessen und schon vorher einige Weinproben zu viel mitgenommen habe. Der Fokus lag eindeutig mehr auf Genuss als auf Geschwindigkeit. Trotzdem – oder gerade deswegen – bin ich sehr zufrieden im Ziel angekommen: müde Beine, voller Magen, leuchtende Augen und viele Erinnerungen an einen Marathon, der mehr ist als nur ein Lauf. Es ist ein Fest für alle Sinne.


 
 
 

Kommentare


bottom of page